Vorurteile: Polen sind faul?

Was steckt hinter diesem Vorurteil? Sind die Polen wirklich arbeitsscheu, oder suchen sie sich eher die lukrativsten Arbeitsmöglichkeiten aus? Meiner Meinung nach handelt es sich um eine Frage der Ökonomie, nicht der Mentalität. Polen sind nicht faul, sie gehen nur sorgsam mit ihren Ressourcen um. Dies möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen. An zwei Abenden machten wir uns, ausgerüstet mit Navigationsgerät und Reise-App, auf die Suche nach Restaurants in der Umgebung. Wir dachten, dass dies kein allzu schwieriges Unterfangen sein sollte. Doch der Optimismus verflog schnell in Polen, wenn man ihn nicht stark festhielt. Für uns stellte sich dies als problematisch heraus. Die Restaurants hatten entweder aufgrund der knapp bemessenen Öffnungszeiten bereits geschlossen oder waren theoretisch bis 19.00 Uhr geöffnet, aber praktisch bereits früher geschlossen. Für uns war das ein klarer Fall von „Sie brauchen die Arbeit nicht“. Es gilt die Regel: „Kein Gast – keine Arbeit – keine Küche – kein Gast“. Bei näherem Hinsehen wird das Verhalten der Gastwirte verständlich. Sie können es sich wirtschaftlich einfach nicht leisten, den gastronomischen Betrieb stundenlang ohne zahlende Kundschaft aufrechtzuerhalten. Ich vermute, dass die meisten polnischen Bürger ihr Abendessen eher zu Hause einnehmen. Für die Gastwirte bedeutet dies „flexible“ Öffnungszeiten, um Geld und Ressourcen zu sparen.

Gegen das Vorurteil des „faulen Polen“ spricht auch die Tatsache, dass heutzutage in ganz Europa zahlreiche fleißige polnische Gastarbeiter ihre Arbeit verrichten. Häufig führt dies jedoch zu Unmut in der einheimischen Bevölkerung, da fleißige Polen oft als Bedrohung für einheimische Arbeitsplätze wahrgenommen werden. So hält sich das stereotype Bild vom „klauenden“ Polen. Dabei liegt die Verantwortung vielmehr bei den einheimischen Arbeitgebern. In einem deutschen Unternehmen wurde beispielsweise die Nachtschicht für deutsche Arbeitnehmer gestrichen, was zu erheblichen Einkommensverlusten führte. Stattdessen werden polnische Gastarbeiter per Reisebus herangeführt, um die Schicht zu übernehmen, da sie für den Arbeitgeber einfach kostengünstiger sind. Möglicherweise rührt der negative Ruf der Polen aus vergangenen Zeiten, doch heute sind sie oft fleißiger als viele unserer deutschen Mitbürger. Dabei ist es besonders wichtig, dass das Gehalt stimmt, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die erste arbeitende Polin, die wir im Zuge unserer Recherchen trafen, war übrigens in Deutschland tätig, etwa 30 Kilometer von der ehemaligen Grenze entfernt. Sie arbeitete für ein deutsches Unternehmen im Toilettenbereich einer Raststätte. In Polen hingegen begegneten wir keinem Deutschen, der für ein polnisches Unternehmen arbeitete. Das würde erst dann passieren, wenn es in Polen mehr zu verdienen gäbe als in Deutschland.